Russlands Aufstieg \(seit 1682\): Großmacht im Osten

Russlands Aufstieg (seit 1682): Großmacht im Osten
 
Russland nach dem Tod des Zaren Aleksej Michajlowitsch
 
Die Weichenstellungen für eine engere Einbindung des Moskauer Zarentums in die europäische Staatenpolitik waren schon längst erfolgt, bevor der jugendliche Zar Peter, der später der Große genannt wurde, das Zepter in die Hand nahm. Die ukrainischen Gebietserwerbungen hatten seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts das orthodoxe Russland näher an den Westen herangeführt. Auf weißrussischem und ukrainischem Boden waren in den Jahrhunderten der Zugehörigkeit zum polnisch-litauischen Staatenverband günstige Voraussetzungen für eine fruchtbare Begegnung geschaffen worden. Über die ostmitteleuropäischen und baltischen städtischen Siedlungen wurden westliche handwerkliche Fertigkeiten und moderner Kaufmannsgeist vermittelt, und die Jesuiten gaben in ihren Bildungseinrichtungen abendländisches philosophisches und theologisches Denken an den orthodoxen Osten weiter. Unter den Absolventen der berühmten hohen Schule der westrussischen Orthodoxie, der Kiewer Akademie des Metropoliten Pjotr Mogila, fanden sich gelehrte Theologen, Dichter und Staatsmänner, die im Dienste der Zaren Russlands Aufbruch in die Moderne vorbereiten halfen. Während der kurzen Regierungszeit des Zaren Fjodor III. Aleksejewitsch (1676—82), des kränklichen Halbbruders Peters, trugen die ersten zaghaften Bemühungen um eine Öffnung Russlands bei der Umsetzung einzelner Reformvorhaben schon Früchte. Peter selbst hatte während seiner regelmäßigen Besuche in der Ausländervorstadt (mit dem Namen »deutsche Freistatt«) vor den Toren Moskaus die Lebensart westeuropäischer Handwerkerfamilien kennen gelernt und sich vom technologischen Vorsprung des Westens in vielen Berufszweigen faszinieren lassen.
 
Nach dem Tode Fjodors haben Peter, dem einzigen regierungsfähigen Sohn des Zaren Aleksej Michajlowitsch (1645—76) aus der zweiten Ehe mit Natalia Naryschkina, Hofintrigen und Fehden zwischen den verfeindeten Familienclans der Miloslawskijs und Naryschkins den Weg zum Thron nicht leicht gemacht. Während der Minderjährigkeit der beiden überlebenden Zarensöhne Iwan und Peter übernahm die ältere Halbschwester Sophie (Sofja Aleksejewna) die Regentschaft. Sie bediente sich der Dienste des erfahrenen Diplomaten Wassilij Wassiljewitsch Fürst Golizyn, der im Konflikt mit Schweden und Polen eine friedliche Einigung vermittelte und im Vertrag von Nertschinsk (27. August 1689) den lange Zeit schwelenden Grenzstreit mit China im Amurbecken beilegen half. Weniger erfreulich verlief die Beteiligung Russlands ab 1686 am Türkenkrieg der »Heiligen Liga« gemeinsam mit Österreich, Polen und Venedig unter dem Protektor Papst Innozenz XI. Bei den beiden militärischen Operationen der Jahre 1687 und 1689 auf der Krim blieb der erwartete Durchbruch durch die türkisch-tatarische Front aus. Der Sturz der Regentin im Spätsommer 1689 brachte den Naryschkinclan an die Macht. Die alleinige Regierungsverantwortung fiel erst nach dem Tode der energischen Zarenwitwe Natalia (1694) und des nominellen Mitregenten Iwan V. (1696) endgültig an Peter.
 
 Ein Revolutionär auf dem Zarenthron — Peter I.
 
Als Herrscherpersönlichkeit erregte Peter bei den Zeitgenossen Aufsehen und Anstoß, weil er alle herkömmlichen gesellschaftlichen Konventionen missachtete. Während der großen Auslandsreise, die er unter einem offenen Inkognito im März 1697 mit großem Gefolge antrat und die ihn über das damals noch schwedische Riga und über Preußen bis in die Niederlande und nach London führte, scheute er sich nicht, als »Zar und Zimmermann« seine handwerklichen Erfahrungen zu vertiefen. Die Nachricht von erneuten Unruhen unter den Strelitzen in Moskau veranlasste ihn im Sommer 1698 zu einem vorzeitigen Abbruch des Unternehmens. Die sofortige Rückreise nutzte er allerdings noch zu diplomatischen Absprachen mit Kaiser Leopold I. in Wien und dem sächsischen Kurfürsten und gleichzeitigen polnischen König August II., dem Starken. Zugunsten der vereinbarten Kriegsplanungen gegen Schweden stellte der Zar seine Orientpläne zurück, die am Kaiserhof in Wien auf wenig Gegenliebe gestoßen waren. Nach der Rückeroberung Ungarns hatte die Friedensbereitschaft der »Heiligen Liga« (26. Januar 1699 Friede von Karlowitz) auch Russland zu einem Waffenstillstand genötigt. Im Friedensvertrag von Konstantinopel (13. Juli 1700) begnügte sich Peter mit dem Besitz der strategisch wichtigen Seefestung Asow, die seine Truppen 1696 im zweiten Anlauf erstürmt hatten.
 
 Der Große Nordische Krieg
 
Ziel des neuen gemeinsamen Unternehmens war aus russischer Sicht, den schwedischen Sperrriegel an der Nordwestgrenze zu durchbrechen und Russland den ungehinderten Zugang zur Ostsee zu öffnen. Der Konflikt ist als der Große Nordische Krieg (1700—21) in die Annalen der Geschichte eingegangen. In dem erst 18-jährigen Schwedenkönig traf Peter auf einen kongenialen Gegenspieler, der das Kriegshandwerk mit erstaunlicher Perfektion beherrschte. Karl XII. sprengte schon in der Anfangsphase die dänisch-polnisch-russische Kriegskoalition und suchte die rasche Entscheidung auf livländischem Boden. Vor Narwa musste Peter am 30. November 1700 eine vernichtende Niederlage hinnehmen. Sein polnisch-sächsischer Partner August II. wurde im Juli 1702 vor Riga und bei Kliszów nordöstlich von Krakau aus dem Feld geschlagen und nach der Besetzung Kursachsens im Herbst 1706 zur Aufgabe gezwungen.
 
Peter lernte aus der Niederlage. Für den erneuten Waffengang war er besser gerüstet. Unter dem Diktat militärischer und fiskalischer Prioritäten waren dringend notwendige Reformen der Staatsverwaltung in Gang gekommen. Mit staatlicher Hilfe war der Ausbau der Schwerindustrie am Onegasee und im Ural gefördert worden, und eine rigorose Besteuerungspolitik hatte die Kriegskasse gefüllt. Die forcierten Rüstungsanstrengungen zahlten sich aus. In Livland hatten die russischen Truppen in einem zähen KleinkriegBoden gewonnen. Am 22. Oktober 1702 fiel ihnen die Fes-tung Nöteborg am Austritt der Newa aus dem Ladogasee in die Hände und im Frühjahr 1703 stießen sie bis zur Newamündung vor. Nach der Eroberung der Festung Nyenschanz an der Einmündung der Ochta in die Newa ließ Peter weiter flussabwärts am 27. Mai 1703 mit dem Baubeginn an der Peter-und-Pauls-Festung den Grundstein für seine künftige Residenzstadt Sankt Petersburg legen. Nach dem Fall der livländischen Festungen Dorpat, Narwa und Iwangorod im Sommer 1704 waren den Schweden nur noch wenige Küstenplätze verblieben. Karl XII. suchte die Entscheidung nicht in Livland, sondern in der Ukraine. In der Schlacht von Poltawa am 8. Juli 1709 musste er aber alle seine Hoffnungen vorerst begraben und sich verwundet auf türkischem Territorium in Sicherheit bringen. Den Zaren konnte auch der verunglückte Pruthfeldzug des Jahres 1711 gegen den türkischen Sultan, der ihn die Festung Asow kostete, nicht mehr hindern, in Livland die Früchte des Sieges zu ernten und noch vor dem formellen Friedensschluss vollendete Tatsachen zu schaffen. Das heftig umkämpfte Riga musste am 4. Juli 1710 kapitulieren, und gemeinsam mit den Städten Pernau und Reval leisteten die livländischen und estländischen Ritterschaften dem Sieger den Huldigungseid. Die Kapitulationsurkunden des Jahres 1710 sicherten ihnen die Beibehaltung der Landesverfassung mit ihren eigenen Rechtstraditionen und Privilegien, der deutschen Verwaltungssprache und dem lutherischen Glauben, zu.
 
Der Vorstoß über die Karelische Landenge brachte dem Zaren noch 1710 die Festungen Wyborg und Kexholm (Priosjorsk) ein. Dieser südkarelische Brückenkopf diente 1713/14 als Basis für die Eroberung und Besetzung Schwedisch-Finnlands und der Ålandinseln. Durch eine gezielte Heiratspolitik weitete Peter den russischen Einflussbereich über Kurland (1710) und Mecklenburg (1716) bis Holstein (1724) aus. Dem Eroberungdrang des Zaren entlang der südlichen Ostseeküste setzte nur die gebotene Rücksichtnahme auf die Verbündeten und auf englische Interessen in Hannover eine Grenze. Der Friedensvertrag, der am 10. September 1721 im westfinnischen Nystad unterzeichnet wurde, besiegelte das Ende der schwedischen Großmachtstellung und bestätigte Russland im Besitz der gesamten östlichen Ostseeküste (Estland, Ingermanland, Livland, Wyborg) und der Inseln Dagö und Ösel.
 
 Das Fenster zu Europa
 
Russland wandte nun sein Gesicht dem Westen zu. Der Zar schnitt den Würdenträgern in seiner Umgebung eigenhändig die Bärte und die langen Rockschöße ab. Er schrieb westliche Kleidung für alle Stände vor und führte europäisches Zeremoniell bei Hofe ein.
 
Noch während des Krieges zog Peter mit seinem Hofstaat in das neu gegründete Sankt Petersburg um. Dieser Verlegung der Zarenresidenz in den äußersten Nordwesten und fernab von Moskau kam eine zukunftsweisende Bedeutung zu. Sie signalisierte einen bewussten Bruch mit der altmoskowitischen Vergangenheit. Die städtebauliche Planung an der Newa übernahmen landfremde Baumeister, und zur Ausführung der prachtvollen Monumentalbauten wurden herausragende Architekten aus allen Ländern verpflichtet, so Domenico Andrea Trezzini, Andreas Schlüter, Gottfried Schädel, Nikolaus F. Härbel. Seinen Untertanen verordnete Peter ein radikales Umdenken und eine harte Schulung in allen nützlichen Fertigkeiten. Gezielte Anleihen aus dem Westen sollten den offenkundigen technologischen Entwicklungsrückstand Russlands aufholen helfen. Bei der Einrichtung der neuen Zentralbehörden nahm Peter das schwedische Kollegiensystem zum Vorbild, die verschiedenen städtereformerischen Experimente orientierten sich an holländischen und livländischen Einrichtungen. Die berühmte Rangtabelle von 1722, die den Erwerb des Adelsprädikats an ein geregeltes Laufbahnsystem und entsprechende Leistungsnachweise ankoppeln wollte, lässt schon in der Benennung der militärischen Dienstgrade und der Ämter im Zivil- und Hofdienst unmittelbare westliche Vorgaben erkennen.
 
Die institutionellen Neuerungen betrafen die gesamte zentrale und lokale Staatsverwaltung, aber auch die Umstellung des Kalendersystems auf den julianischen Kalender zum 1. Januar 1700 und die grafische Neugestaltung der Lettern durch die Einführung der Zivilschrift im Jahre 1708. In den Gouvernementsreformen von 1708 und 1719 versuchte der Zar eine administrativ-territoriale Neuordnung des Reiches. Er schuf neue oberste Staatsorgane wie den »Regierenden Senat« (1711) und die nach Ressorts aufgegliederten Kollegien. In der obersten Kirchenverwaltung ersetzte er 1721 das Patriarchenamt durch eine Kollegialbehörde, den »Heiligen Synod«. Der rastlose Zar kümmerte sich persönlich um die Sanierung der Staatsfinanzen. Er förderte nach den Vorgaben einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik die Erschließung der wirtschaftlichen Ressourcen des Landes, den Ausbau der Infrastruktur (Wege- und Kanalbau) und die Mobilisierung des Arbeitskräftepotenzials. Unter dem Diktat fiskalischer Überlegungen löste er im Jahre 1724 die bisherige Hofsteuer durch eine allgemeine Kopfsteuer (als »Seelensteuer« bezeichnet) ab. Sie war von allen lastenpflichtigen Bevölkerungsgruppen zu erbringen, die die Hauptlast der petrinischen Kriegsanstrengungen und Reformversuche zu tragen hatten.
 
Peter hat viel bewegt, aber auf lange Sicht die überkommenen Gesellschaftsstrukturen doch weniger verändert, als er gewollt und seine westlichen Bewunderer und Ratgeber erhofft hatten. Ungenügende Vorausplanung, hektischer Aktionismus und mangelnde Stetigkeit in der Durchführung behinderten die gewünschte Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung.
 
 Polnischer Thronfolgekrieg, Österreichisch-Russischer Türkenkrieg und Siebenjähriger Krieg
 
Peter der Große hatte keine Vorsorge für seine Nachfolge getroffen. Er hatte sogar seinen einzigen Sohn Aleksej 1718 in einem Hochverratsprozess den grausamen Folterknechten ausgeliefert und ihn der vermeintlichen Staatsräson geopfert, als er das väterliche Werk gefährdete. Der plötzliche Tod des Zaren am 8. Februar 1725 leitete eine krisenhafte Übergangsphase ein, die vier Jahrzehnte andauern sollte. Vier Zarinnen sorgten mit ihrem teilweise freizügigen Lebenswandel für anhaltenden Gesprächsstoff in den europäischen Hofkreisen. Die Leitlinien der russischen Politik sind von diesen privaten Unwägbarkeiten aber nur am Rande tangiert worden. Solange die Rivalität zwischen den Häusern Habsburg und Bourbon die europäische Politik bestimmte, boten die antikaiserlichen Aktivitäten Frankreichs in der Schweden-, Polen- und Türkenfrage hinreichenden Anlass für Russland, sich im wohlverstandenen Eigeninteresse auf ein Zweckbündnis mit Wien einzulassen. Es war daher nur folgerichtig, dass schon am 6. August 1726 die Gemahlin und Nachfolgerin Peters des Großen, die ehemalige litauische Bauernmagd Katharina I., im Wiener Vertrag dem österreichisch-spanischen Bündnis beitrat.
 
Das Einvernehmen mit Wien blieb im 18. Jahrhundert eine Konstante der russischen Außenpolitik. In der Zeit der »deutschen Vorherrschaft« unter Anna Iwanowna, der Witwe des kurländischen Herzogs, und ihrem allmächtigen Favoriten Ernst Johann von Bühren (russisch Biron) haben sich fähige Diplomaten und Feldherren wie Heinrich Johann Friedrich Ostermann (seit 1730 Andrej Iwanowitsch Graf Osterman) und Burkhard Christoph Münnich erfolgreich bemüht, in Absprache mit dem Wiener Hof die bedrohlichen französischen Machenschaften und die stets akute Gefahr eines Zweifrontenkrieges zu bannen. Während der Regierungszeit Annas bewährte sich dieses österreichisch-russische Zusammenspiel bei der strittigen Königswahl in Polen. Nach dem Tode Augusts II., des Starken, 1733 verhinderten die »drei schwarzen Adler« Preußen, Österreich und Russland die Kandidatur des Stanislaus Leszczyński, des Schwiegervaters Ludwigs XV., und ermöglichten so eine Fortsetzung der sächsisch-polnischen Personalunion unter dem Wettiner August III., dem Sohn Augusts des Starken. In dem nachfolgenden Polnischen Thronfolgekrieg (1733—35) eilten russische Truppen den Kaiserlichen zu Hilfe und stießen über Schlesien und Böhmen bis an den Rhein vor. Die Rechnung für die russische Unterstützung hatte der Kaiser Karl VI. an der Türkenfront zu bezahlen. Wider seinen Willen sah er sich von seinem Partner 1737 in einen militärischen Konflikt mit dem Sultan hineingezogen. Er kostete ihn nach unglücklichem Kriegsverlauf im Frieden von Belgrad 1739 wieder nahezu sämtliche Gebietserwerbungen des Jahres 1718 (Friede von Passarowitz) — Bosnien, die Kleine Walachei und Serbien mit Belgrad bis an Morava und Drina, nur das Temescher Banat blieb ausgenommen. Die Truppen des Feldmarschalls Münnich hatten sich dagegen 1736 auf der Krim besser geschlagen. 1739 waren sie nach der Eroberung von Chotin und Jassy auf dem weiteren Vormarsch durch die Moldau, mussten aber nach dem vorzeitigen Friedensschluss des Kaisers wieder zurückgerufen werden. Der erhoffte Durchbruch zur Schwarzmeerküste blieb Russland noch versagt.
 
Die Tochter Peters des Großen, Elisabeth Petrowna, die 1741 als vermeintliche Parteigängerin Frankreichs angetreten war, konnte sich nach dem Ausgang des ersten Schlesischen Krieges (1740—42) den neuen Sachzwängen nicht entziehen. Für ihren außenpolitischen Berater und späteren Kanzler Aleksej P. Bestuschew-Rjumin war abzusehen, dass der Preußenkönig Friedrich II. künftig stärker auf die französische Karte setzen würde, um sich im Besitz Schlesiens zu behaupten. Welche Gefährdung der russischen Grenzen von Frankreich ausgehen konnte, zeigte der kurze Schwedisch-Russische Krieg (1741—43), der mit französischer Unterstützung von der revanchistischen schwedischen Magnatenpartei der »Hüte« angezettelt worden war. Der Konflikt konnte nach dem raschen Gegenschlag der russischen Truppen in Schweden-Finnland im Frieden von Åbo beigelegt werden. Russland befand sich im antipreußischen Lager zusammen mit Großbritannien, das um seine hannoveranischen Interessen bangen musste. Die Fronten verkehrten sich 1756, als Großbritannien auf die preußische Seite überwechselte und Russland in der Folge dieser »Umkehrung der Allianzen« schließlich gemeinsam mit Österreich und Frankreich gegen Preußen antrat.
 
Diesen erneuten Waffengang des Siebenjährigen Krieges (1756—63) hatte Friedrich II. mit der präventiven Besetzung Sachsens ausgelöst. Der russische Truppenaufmarsch gegen Ostpreußen drängte den Preußenkönig in die Defensive und zwang ihn nach vergeblichen und verlustreichen Abwehrschlachten bei Großjägerndorf (1757), Zorndorf (1758) und Kunersdorf (1759) zum Rückzug. Vorübergehend musste er vom 28. September bis 9. Oktober 1760 den nachrückenden russischen Truppen sogar Berlin überlassen. Diese kritische Kriegsphase überstand Friedrich II. nur, weil seine Gegner ihre strategischen Vorteile kaum zu nutzen verstanden. Die endgültige Rettung verdankte er dem zufälligen Thronwechsel in Russland. Der im Alter von 52 Jahren Ende 1762 verstorbenen Zarin Elisabeth folgte nach ihrem Willen ihr bereits 1742 designierter Neffe Peter, der Sohn des Herzogs von Holstein-Gottorp. Peter III., ein schwärmerischer Bewunderer Friedrichs II., entschloss sich zu einer abrupten Kehrtwendung in der russischen Außenpolitik. Er bot seinem in Bedrängnis geratenen Idol einen Waffenstillstand an und zog die russischen Truppen aus den besetzten Gebieten ab. Im Friedensvertrag verzichtete er auf alle Eroberungen und festigte das preußisch-russische Zusammengehen durch einen förmlichen Bündnisvertrag. Nach diesem unerwarteten »Mirakel des Hauses Brandenburg« war Friedrich II. der schlesische Besitz nicht mehr zu nehmen, was im Frieden von Hubertusburg 1763 bestätigt wurde.
 
Der Holsteiner auf dem Zarenthron hat während seiner nur sechsmonatigen Alleinherrschaft auch in der russischen Innenpolitik unübersehbare Zeichen gesetzt. Er hat die verhasste Geheime Kanzlei aufgelöst und die Säkularisierung des Kirchengutes eingeleitet. Im Manifest vom 18. Februar 1762 verfügte er die vollständige Befreiung des Adels von der bisherigen Dienstverpflichtung, die bislang die Herausbildung einer eigenständigen adligen Standesgesellschaft am meisten behindert hatte. Peter III. fehlten aber die charakterlichen Eigenschaften und die intellektuellen Fähigkeiten, seiner Aufgabe als Herrscher eines großes Reiches gerecht zu werden. Ihm wurde zum Verhängnis, dass seine eigene Gemahlin, die ihm 1745 angetraute Prinzessin von Anhalt-Zerbst Sophie Friederike Auguste, selbst zur Macht drängte. Durch ergebene Gardeoffiziere bereitete sie insgeheim den Umsturz vor, den der inhaftierte Kaiser aus nie ganz aufgeklärten Umständen nur wenige Tage überlebte.
 
 Die »republikanische Autokratin« Katharina II.
 
Die neue Alleinherrscherin hatte es anfangs nicht leicht, mit dem Makel der Gattenmörderin zu leben und sich ihren Untertanen als treu sorgende Landesmutter zu empfehlen. Die öffentliche Meinung des Auslandes umwarb sie mit einem betont aufgeklärten Regierungsprogramm, dessen Grundzüge sie im regen Briefkontakt mit den großen Geistern der Zeit eingehend erläuterte. Montesquieu, eigentlich Charles de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu, und der italienische Jurist Cesare Beccaria hatten ihr die Feder geführt bei der Abfassung ihrer Aufsehen erregenden »Großen Instruktion« von 1767, in der sie die theoretischen Vorgaben und das Aufgabenfeld der Gesetzgebungskommission umriss, zu der sie gewählte Vertreter aus allen Landesteilen eingeladen hatte.
 
Katharina II. fühlte sich einer praktischen Philanthropie aus pietistischem Geiste verpflichtet, war sich aber auch der Grenzen ihrer Macht, so unter anderem in der Frage der Leibeigenschaft, bewusst. Sie gefiel sich in der Rolle der wahren Testamentsvollstreckerin Peters des Großen, dem sie 1782 am Newaufer ein imposantes Denkmal errichten ließ. Die bildungsbeflissene Monarchin folgte ihm indes nicht in einer planlosen Neuerungssucht. Sie suchte die Annäherung an die europäischen kulturellen Traditionen. Als gelehrige Schülerin der französischen Aufklärungsphilosophen und der deutschen Kameralisten bemühte sie sich redlich, den Armen und Entrechteten in einer von den Adelsinteressen dominierten Gesellschaft zu helfen und in der Ausübung der öffentlichen Gewalt rechtsstaatliche Normen zur Geltung zu bringen. Sie hatte das allgemeine Wohl und den Staatsnutzen im Blick bei der Einrichtung von Findel- und Waisenhäusern in Sankt Petersburg und Moskau, bei ihren schulreformerischen Maßnahmen in Anlehnung an die in der Habsburger Monarchie erprobten Erziehungspläne, bei der Berufung ausländischer Siedler und der Begründung der »Freien Ökonomischen Gesellschaft zur Beförderung von Landwirtschaft und des Hausstandes in Russland« (1765), bei der Kirchen- und Klosterreform nach josephinischem Muster und bei den Versuchen zur Neuordnung der Gouvernementsverwaltung (1775) und der Behördenorganisation. Auf längere Sicht strebte sie eine Vereinheitlichung der Verwaltungsstrukturen in allen Landesteilen und einen Abbau provinzieller Sonderrechte an. In einer Instruktion aus dem Jahre 1764 empfahl sie eine sanfte Russifizierungspolitik in den Westgebieten. Die traditionelle Hochburg der Saporoger Kosaken in der Sitsch löste sie 1775 auf. Ihre beiden Gnadenurkunden des Jahres 1785 gestanden den Stadtbewohnern und dem Adel auf Gouvernements- und Kreisebene obrigkeitlich reglementierte korporative Zusammenschlüsse zu und banden gleichzeitig die gewählten adligen und städtischen Vertretungen in die Lokalverwaltung ein, um der mangelnden Präsenz des Staates in den Regionen des Reiches abzuhelfen. Das Toleranzedikt vom 17. Juni 1773 versprach die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, doch den Juden, die im Zuge der polnischen Teilungen in größerer Zahl zu Untertanen des Reiches geworden waren, beschränkte sie rigoros die Freizügigkeit auf die bisherigen Siedlungsgebiete im »Ansiedlungsrayon«. Vor einer radikalen Änderung der bestehenden Sozialverfassung schreckte sie trotz der unübersehbaren sozialen Missstände zurück. Den Aufruhr unzufriedener leibeigener Bauern und Fremdvölker in der Wolgaregion 1773 ließ sie brutal niederschlagen.
 
 Katharina II. und ihre erfolgreiche Außenpolitik
 
Das überraschende Ausscheren Peters III. aus der Kriegskoalition hatte Katharina lästiger Bündnisverpflichtungen enthoben und ihr eine unverhoffte Handlungsfreiheit beschert. Zur Vorfeldsicherung an der russischen Westgrenze war nach ihrer Einschätzung eine längerfristige Abstimmung mit dem aufstrebenden Preußen hilfreich. Ihr außenpolitischer Berater Nikita I. Panin plante nach den Erfahrungen der Schlesischen Kriege eine stärkere Einbindung Großbritanniens und Dänemarks in ein mehr an den nordeuropäischen Ländern orientiertes Bündnissystem, einen »Nordischen Accord«. Ihren Anspruch auf einen beherrschenden Einfluss in den polnischen Angelegenheiten bekräftigte Katharina II. 1763 durch die erzwungene Königswahl ihres ehemaligen Favoriten Stanislaus August Poniatowski. Sie scheute auch nicht vor dem Einsatz von Gewaltmitteln zurück. Angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände in Polen seit 1767 betrieb sie schließlich gemeinsam mit Preußen und Österreich eine Generalbereinigung die- ses immer weniger kalkulierbaren Sicherheitsproblems. Die drei polnischen Teilungen von 1772, 1793 und 1795 bewirkten eine weiträumige Westverlagerung der russischen Staatsgrenze. In den russischen Teilungsgebieten lebte unter den insgesamt etwa 5,5 Millionen Bewohnern eine mehrheitlich ostslawische Bevölkerung mit einem nur schwer integrierbaren jüdischen Anteil.
 
Der russische Türkenkrieg (1768—74) wies der russischen Herrscherin eine neuartige Rolle als Beschützerin der Balkanchristen und als Vorkämpferin für den orthodoxen Glauben zu. Im Friedensschluss, den sie dem geschlagenen Sultan am 21. Juli 1774 in Kütschük Kainardschi aufzwang, setzte sie neue Maßstäbe in der europäischen Orientpolitik und stellte die territoriale Integrität des Osmanischen Reiches in Frage. Die Neuerwerbungen umfassten die Mündungsgebiete von Don, Dnjepr und Bug sowie die Große und Kleine Kabardei im Kaukasus. Sie machten das Russische Reich erstmals zum Anrainer des Schwarzen Meeres. Wenige Jahre später ging Katharina II. versuchsweise einen Schritt weiter und skizzierte in ihrem »Griechischen Projekt« von 1782 als Verhandlungsangebot an ihren Briefpartner Kaiser Joseph II. die Umrisse eines weiter gehenden Teilungsplanes. 1783 verkündete sie die Annexion der Krim, der Tamanhalbinsel und des Kubangebietes und forderte den Sultan zu einem weiteren Waffengang heraus. Der zweite russische Türkenkrieg (1787—92) brachte Katharina II. im Frieden von Jassy das Gebiet zwischen Bug und Dnjestr und die Bestätigung der Annexionen von 1783 ein.
 
 Russland und Europa während der Koalitionskriege — Paul I.
 
Der fortbestehende Antagonismus zwischen Preußen und Österreich erlaubte es Katharina II., in der Europapolitik eine wichtige Mittlerrolle einzunehmen. Sie erreichte im Frieden von Teschen (13. Mai 1779), der den Bayerischen Erbfolgekrieg beendete, dass Russland zum künftigen Schiedsrichter in Reichsangelegenheiten bestellt wurde. An den wichtigsten deutschen Fürstenhöfen nahmen seither ständige Residenten die Interessen Russlands im Reich wahr. Vollends nach der Französischen Revolution ruhten die Hoffnungen der europäischen Monarchen und der zahlreichen Emigranten auf der Interventionsbereitschaft der Militärmacht des östlichen Kaisertums Russland. Katharina II. wollte sich dieser Verteidigungsaufgabe gegenüber der revolutionären Gefahr keineswegs entziehen, sie ist aber über den Vorbereitungen zur Teilnahme am 1. Koalitionskrieg 1796 gestorben.
 
Ihr Sohn Paul I., den sie über zwei Jahrzehnte hinweg bewusst von allen Regierungsgeschäften ferngehalten hatte, teilte die antirevolutionäre Gesinnung aus innerer Überzeugung, gab aber dem Ein- satz diplomatischer Mittel den Vorzug vor voreiligen militärischen Aktionen und distanzierte sich aus einer wertkonservativen Grundeinstellung heraus von der exzessiven und skrupellosen Machtpolitik seiner ungeliebten Mutter. Er beorderte sämtliche russischen Truppenverbände, die außerhalb der Reichsgrenzen im Einsatz waren, zurück und ließ die Chancen einer gesamteuropäischen Friedensinitiative im ökumenischen christlichen Geiste sondieren. Zu einem Sinneswandel veranlassten ihn die Invasion des jungen Napoléon Bonaparte in Italien 1796 bis 1799 und der weitere Vorstoß der französischen Revolutionsarmee über Dalmatien und die Ionischen Inseln nach Ägypten 1798. Paul I. trat der antifranzösischen Koalition bei und lehnte selbst ein Zusammengehen mit dem türkischen Erzfeind nicht mehr ab, als der Sultan russische Militärhilfe im östlichen Mittelmeer erbat. Ein russischer Flottenverband beteiligte sich 1799 gemeinsam mit den Türken an der Rückeroberung der Ionischen Inseln. Während des 2. Koalitionskrieges verdrängte Aleksandr W. Suworow als Oberbefehlshaber und Feldmarschall des russischen Kaisers die Franzosen aus Oberitalien und führte die Koalitionstruppen über den Sankt Gotthard. Anhaltende Unstimmigkeiten mit Wien wegen der weiteren Kriegführung bewogen schließlich Paul I., seine Truppen wieder zurückzuziehen. Insbesondere die eigenmächtige Besetzung der Mittelmeerfestung Malta durch Admiral Horatio Nelson musste der Großmeister des Malteserordens Paul I. als persönliche Kränkung empfinden. Er suchte die Aussöhnung mit Napoleon, der sich ihm nach dem Staatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799) als Partner einer europäischen Friedenslösung empfahl. Für eine neuerliche Umorientierung der russischen Außenpolitik war es zu spät. Eine Palastrevolution kostete Paul I. am 24. März 1801 das Leben. Sie war nicht ohne Mitwissen des eigenen Sohnes von dem Sankt Petersburger Militärgouverneur inszeniert worden.
 
Zum Verhängnis wurden Paul I. willkürliche Eingriffe in die persönliche Lebensführung einflussreicher Hofkreise und erste Ansätze einer eher bauernfreundlichen Sozialpolitik, die weitere Beeinträchtigungen des adligen Besitzstandes befürchten ließen.
 
 Autokratie und Rechtsstaat: Alexander I.
 
Sein Sohn Alexander I. fügte sich besser ein in die Erwartungen der europäischen Mächte. Von dem Waadtländer Frédéric César de La Harpe im republikanischen Geist erzogen, waren ihm als Thronfolger zeitgemäße liberale und konstitutionelle Vorstellungen nicht fremd. In einem »Inoffiziellen Komitee« sammelte er einen Kreis seiner Jugendfreunde um sich, die in strikter Geheimhaltung praktische Reformmaßnahmen diskutierten und sich nicht scheuten, in verschiedenen Ressorts selbst politische Verantwortung zu übernehmen. Aufklärerische Impulse kamen unter Alexander I. vor allem in einer umfassenden Schul- und Universitätsreform zum Tragen. Eine neue Geschäftsverteilung in der Reichszentrale ersetzte 1802 die alten Kollegialbehörden durch Fachministerien. Für die konzeptionelle Vorbereitung der notwendigen Änderungen in der Regierungspraxis fand Alexander I. in Michail M. Speranskij, dem späteren Kodifikator des russischen Rechtes, einen kundigen und loyalen Mitarbeiter. Er legte 1809 ein ausgearbeitetes Reformkonzept nach westlichem, vornehmlich französischem Vorbild vor. Wegen der akuten Kriegsereignisse ist es allerdings nur in Teilbereichen ausgeführt worden.
 
 Die Außenpolitik Alexanders I.
 
Der Machtkampf mit Napoleon in Europa entwickelte sich für Alexander I. zu einer persönlichen Herausforderung von schicksalhafter Bedeutung. Die anfänglichen Ausgleichsversuche scheiterten an den weiter gehenden Ambitionen Napoleons. Nach der Niederlage in der Dreikaiserschlacht (Napoleon I. gegen Kaiser Alexander I. und Kaiser Franz II.) von Austerlitz am 2. Dezember 1805 und dem Zusammenbruch Preußens, den auch ein russischer Gegenangriff in Ostpreußen nicht mehr abwenden konnte, sah sich Alexander I. zu einem Arrangement mit dem Sieger gezwungen. Im Frieden von Tilsit, an der Grenzlinie der beiden Machtbereiche auf einem Floß mitten in der Memel am 7. Juli 1807 unterzeichnet, einigten sich beide Herrscher auf eine Abgrenzung der Interessensphären in Europa. Damit war der 4. Koalitionskrieg beendet.
 
Russland gewann freie Hand für die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Schweden (1808—09) und dem Osmanischen Reich (1806—12), musste sich aber zum Schaden der eigenen Wirtschaft der von Napoleon gegen die englische Seemacht verhängten Kontinentalblockade anschließen. Napoleon behinderte weiter gehende russische Orientpläne, gestand aber in Nordeuropa den Erwerb Finnlands zu, das 1809 als Großfürstentum mit eigener Landesverfassung und Volksvertretung Teil des Russischen Reiches wurde. Für eine dauerhafte partnerschaftliche Beziehung der beiden Herrscher fehlten alle Voraussetzungen. 1812 holte Napoleon zum Präventivschlag gegen seinen Kontrahenten aus, der aber nach dem Brand Moskaus mit dem unrühmlichen Untergang der »Großen Armee« auf einem strapaziösen Rückzug endete. Der geschlagene Napoleon musste seinem russischen Herausforderer das Feld überlassen. Alexander I. schmiedete gemeinsam mit Preußen, Großbritannien und Österreich eine neue Militärallianz, und am 31. März 1814 zog er gemeinsam mit dem Preußenkönig an der Spitze der verbündeten Truppen in Paris ein. Auf dem Wiener Kongress rangen in zähen monatelangen Verhandlungen 1814/15 die Monarchen und ihre Ratgeber um eine tragfähige Neuordnung der Staatenbeziehungen in Europa.
 
An der Polenfrage drohte die Konferenz wiederholt zu scheitern. Alexander I. musste schließlich einem Teilungsplan zustimmen, der ihm aus der Erbmasse des von Napoleon 1809 geschaffenen Herzogtums Warschau wohl den Löwenanteil beließ, aber als Kompensation für Preußen ein »Herzogtum Posen« abtrennte und den Österreichern Gebietsarrondierungen in Ostgalizien zugestand. Außerdem war eine freie und unabhängige Stadt Krakau unter dem Protektorat der Teilungsmächte vorgesehen. Russland gewann 3,3 Millionen neue polnische Untertanen hinzu. Alexander I. gewährte ihnen eine eigene Verfassung in einem »Zartum Polen«, das in Personalunion mit dem Russischen Reich verbunden war.
 
Mit dem österreichischen Staatsmann Klemens Lothar Wenzel von Metternich teilte Alexander I. das strikte Legitimitätsdenken und die Furcht vor umstürzlerischen Umtrieben. Gemeinsam befürworteten sie eine Rückkehr Frankreichs als gleichberechtigtes Mitglied in das europäische Mächtekonzert, und auf den Fürstenkongressen der folgenden Jahre in Troppau 1820, Laibach 1821 und Verona 1822 sprachen sie sich für eine aktive Interventionspolitik zur Eindämmung unkontrollierter Volksbewegungen aus. Die Kongressdiplomatie konnte die Lage auf der Iberischen Halbinsel und in Unteritalien unter Kontrolle halten, sie scheiterte aber an der Türkenfront, als es nach dem Ausbruch des griechischen Freiheitskampfes 1821 zwischen Bündnisloyalität und dem Mitgefühl mit den bedrohten Glaubensbrüdern zu entscheiden galt. Alexander I. hatte sich noch persönlich zu einer Kehrtwendung durchgerungen und sich in Absprache mit dem britischen Außenminister George Canning der Notwendigkeit einer Humanitätsintervention nicht mehr länger verschlossen. Sein Nachfolger Nikolaus I. übernahm den Vollzug.
 
 Der Gendarm Europas — Nikolaus I.
 
Alexander I. war am 1. Dezember 1825 während eines Kuraufenthaltes im entfernten Taganrog gestorben. Den Regierungsantritt des jüngeren Zarenbruders Nikolaus I. überschatteten Unsicherheiten in der Nachfolgefrage. Die Öffentlichkeit war über den Thronverzicht des älteren Bruders Konstantin nicht informiert. Oppositionelle Gruppierungen innerhalb des Offizierskorps suchten den »Großmutstreit« in der kaiserlichen Familie für ihre Zwecke zu benutzen und riefen die Offiziersanwärter, die am 26. Dezember 1825 auf dem Senatsplatz in Sankt Petersburg antreten mussten, zur Eidverweigerung auf. Etwa 3000 schlossen sich der Demonstration gegen das autokratische Regime in Russland an. Der Aufmarsch loyaler Truppen erstickte den Aufstandsversuch im Keim. In den nachfolgenden Gerichtsverfahren rechnete Nikolaus I. unnachsichtig mit den Dekabristen ab und ließ die Wortführer in der Peter-und-Pauls-Festung hinrichten.
 
Das nikolaitische System galt den Vertetern des libe- ralen und demokratischen Europa als abschreckendes Beispiel eines allgegenwärtigen Polizei- und Überwachungsstaates. Die von der Dritten Abteilung der Höchsteigenen Kanzlei Seiner Majestät geleitete geheime Staatspolizei unter Alexander Graf von Benckendorff wurde zu einer der meistgehassten Einrichtungen. Die Obrigkeit entfremdete sich der Gesellschaft, und die kritische Intelligenz und eine ganze Generation der bedeutendsten Dichter — so Aleksandr S. Puschkin, Michail J. Lermontow, Fjodor Dostojewskij oder der ukrainische Bauerndichter Taras Schewtschenko — zerrieben sich im Dauerkonflikt mit der Staatsgewalt. Der Minister für Volksaufklärung Sergej S. Uwarow hat als die tragenden Säulen des Staates »Autokratie, Orthodoxie und Volksverbundenheit« benannt. Nikolaus I. hat sich nicht nur als unnachsichtiger Hüter des bedrohten monarchischen Systems verstanden. Er fühlte sich einer paternalistischen Herrschaftsauffassung verpflichtet und zum Wohle der ihm anvertrauten Untertanen aufgerufen. Nikolaus I. hat das große Werk der Gesetzeskodifikation, an dem frühere Generationen gescheitert waren, mit der 1830 veröffentlichten »Vollständigen Sammlung der Gesetze des Russischen Reiches« zum Abschluss gebracht. Er hat das Eisenbahnzeitalter in Russland eröffnet und enorme Anstrengungen unternommen, das staatliche Bildungsangebot auszuweiten und die Professionalisierung des bürokratischen Apparates durch Qualifikationsnachweise zu befördern. Er verkannte keineswegs die Fehlentwicklungen und Missstände in Staat und Gesellschaft und den sozialen Brennstoff, der in dem Leibeigenschaftssystem schlummerte, das der Mehrheit der Bauern eine bedrückende Armut und Rechtlosigkeit zumutete. Er hegte allerdings immer noch die Hoffnung, die periodischen Bauernunruhen unter Kontrolle zu halten und den Adel durch die Überzeugungskraft der besseren Argumente für eine vorausschauende Reformpolitik gewinnen zu können. Im Bereich der Staatsverwaltung hat er ein nachahmenswertes Beispiel vorgegeben. Den »Staatsbauern«, die nahezu die Hälfte der bäuerlichen Bevölkerung des Reiches stellten, haben die Reformkonzepte des Domänenministers Graf Pawel D. Kiseljow eine spürbare Verbesserung der sozialen Lage gebracht.
 
Mit der Regierungszeit Nikolaus I. verbindet sich eine Trendwende in der russischen Innenpolitik. Obwohl der Staat keine Mühe scheute, eine kritische Öffentlichkeit zu verhindern und zur Bewahrung des Althergebrachten beizutragen, sind die Zeichen einer neuen Zeit dennoch unübersehbar. In den hauptstädtischen Salons diskutierte man in den 30er-Jahren leidenschaftlich über den russischen Weg in eine bessere Zukunft, während gleichzeitig in Wirtschaft und Gesellschaft unter dem zunehmenden Modernisierungsdruck alte Strukturen aufbrachen und sich durchgreifende Veränderungen der bestehenden Ordnung anbahnten.
 
Ernsthaft gefährdet haben das Lebenswerk des Zaren die von außen einwirkenden Kräfte einer europaweiten nationalen und revolutionären Bewegung und offenkundige Fehlkalkulationen in der Außenpolitik. Die Niederschlagung des ersten polnischen Aufstandes 1830/31 hat dem Ansehen des Zaren in Westeuropa schwer geschadet. Der Auftritt flüchtiger polnischer Patrioten, unter anderem auf dem Hambacher Fest 1832, hat die russenfeindliche Grundstimmung in der westlichen Presse erheblich verstärkt. Russische Alleingänge in der Orientfrage sorgten in den 30er-Jahren für Missstimmung in den europäischen Kabinetten und erregten Argwohn. Während der Revolutionsereignisse des Jahres 1848 wurde der Zar nochmals seiner Rolle als »Gendarm Europas« gerecht. Auf Ersuchen des Wiener Hofes marschierten russische Truppen in Ungarn und Siebenbürgen ein und erzwangen die Kapitulation der ungarischen Revolutionsarmee bei Világos in der Nähe von Arad. Nikolaus I. war als Bezwinger der Revolution auf dem Höhepunkt seiner internationalen Machtstellung. Er verspielte sie aber wenig später 1853 im Krimkrieg. Den Untergang der heiß umkämpften Festung Sewastopol hat er nicht mehr erlebt, er starb am 18. Februar 1855. Seinem Sohn Alexander II. blieb es überlassen, nach einem Ausweg aus der Vertrauenskrise des autokratischen Regimes zu suchen.
 
Prof. Dr. Edgar Hösch
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Russland in Sibirien: Der Griff nach dem Osten
 
Russland: Die Expansion nach dem Krimkrieg
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Russland (bis 1667): Vom Großfürstentum Moskau zum Russischen Reich
 
 
Hösch, Edgar: Geschichte Rußlands. Von den Anfängen des Kiever Reiches bis zum Zerfall des Sowjetimperiums. Stuttgart u. a. 1996.
 Hösch, Edgar / Grabmüller, Hans-Jürgen: Daten der russischen Geschichte. Von den Anfängen bis 1917. München 1981.
 Kappeler, Andreas: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München 21993.
 
Katharina die Große: Memoiren. Aus dem Französischen und Russischen von Erich Boehme. Frankfurt am Main u. a. 1996.
 
Die orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860-1980), herausgegeben von Peter Hauptmann und Gerd Sticker. Göttingen 1988.
 
Peter der Große in Westeuropa. Die Große Gesandtschaft 1697-1698, bearbeitet von Wolfgang Griep und Frauke Krah. Ausstellungskatalog Übersee-Museum Bremen. Bremen 1991.
 
Rußland-Ploetz, bearbeitet von Wolfgang Kessler. Freiburg im Breisgau u. a. 31992.
 Stökl, Günther: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 61997.
 Weber, Friedrich Christian: Das Veränderte Russland,. .. Frankfurt am Main 1721.
 Zernack, Klaus: Polen und Rußland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte. Berlin 1994.

Universal-Lexikon. 2012.

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